Geringer Rohstoffverbrauch, Langlebigkeit und Wieder-verwertbarkeit müssen zum europäischen Standard werden

Berlin (ots|wro) - Der heutige Weltnormentag steht unter dem Motto "SHARED VISION FOR A BETTER WORLD" - eine Welt, die stärker denn je vom Klimawandel bedroht ist. Um die Erderwärmung zu begrenzen, ist eine grüne Transforma-tion von Industrie und Wirtschaft erforderlich. Im Interview spricht Dr. Franziska Brantner, Parlamentarische Staats-sekretärin beim Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz, über die Herausforderungen und Chancen der Trans-formation und die Bedeutung von Normen und Standards für den Klimaschutz.

.

Die grüne Transformation von Industrie und Wirt-schaft ist eine Jahrhundertaufgabe. Welche Her-ausforderungen für Unternehmen sehen Sie, welche wirtschaftlichen Chancen ergeben sich daraus aber auch?

Die Herausforderungen sind in der Tat groß: Viele Branchen spüren immer noch die Erschöpfung durch die Corona-Jahre, dazu kommen Lieferkettenproble-me, Material- und Fachkräftemangel. Gleichzeitig müssen wir den Übergang in eine grüne Transforma-tion angehen, was uns mittel- und langfristig auch große Standortvorteile verschaffen kann. Dafür müssen wir einen ambitionierten Ausbau der Erneu-erbaren Energien voranbringen, nachhaltige Produk-tionsweisen und Infrastrukturen fördern, grüne Leit-märkte aufbauen und in regionale Wertschöpfung investieren.

Im Koalitionsvertrag ist vereinbart, dass Deutsch-land bereits 2045 klimaneutral sein soll. Mit dem Osterpaket und dem Sofortprogramm "Klima-schutzmaßnahmen für den Gebäudesektor" haben Sie erste wichtige Maßnahmen verabschiedet. Welche Vorhaben stehen im Weiteren an?

Um bis 2045 treibhausgasneutral zu werden, müssen wir vor allem zunächst unsere anspruchsvollen Klima-ziele bis 2030 erreichen. Im Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz haben wir mit dem Ener-giesofortmaßnahmenpaket schon einen gewaltigen Schritt nach vorn gemacht und schaffen mit einem deutlich beschleunigten Ausbau der Erneuerbaren Energien die Basis für eine klimaneutrale Energiever-sorgung. Jetzt muss es uns als Bundesregierung ge-lingen, auch in den Sektoren Gebäude, Verkehr, Indu-strie und Landwirtschaft die notwendigen Maßnah-men zu verankern, die Vorschläge liegen auf dem Tisch - wir müssen diese jetzt im Rahmen des Klima-schutz-Sofortprogramms zügig verabschieden.

Wie können Normen und Standards
dabei unterstützen?

Normen und Standards sichern Qualität, sie erleich-tern den Handel und schaffen Transparenz für alle Marktteilnehmer. Für die Etablierung klimafreund-licher Produkte spielen sie eine wichtige Rolle, indem sie die Wettbewerbsfähigkeit steigern und neue Märkte erschließen. Wichtig ist dabei auch ein ausgewogenes Verhältnis von Regulierung und freiwilligen Standards, damit Innovationen nicht abgewürgt werden. So beteiligt sich Deutschland intensiv an der Entwicklung von internationalen Standards für klimafreundliche Grundstoffe (Stahl und Zement), damit grüne Produkte von konventio-nellen unterscheidbar, vergleichbar und vermarkt-
bar werden.

Laut einer vom BMWK in Auftrag gegebenen Studie summieren sich die Schäden durch Extremwetter in Deutschland in den letzten Jahren auf über 80 Mil-liarden Euro. Welche Maßnahmen zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels stehen bei Ihnen auf der Agenda?

Die jüngsten Extremwetterereignisse verdeutlichen die zunehmenden gesellschaftlichen und ökonomi-schen Folgen und Risiken des Klimawandels. Wir müs-

sen deshalb Vorsorge treffen. Die Bundesregierung handelt entsprechend. Gemäß Koalitionsvertrag wol-len wir die Deutsche Anpassungsstrategie weiterent-wickeln, mit einem neuen Klimaanpassungsgesetz rechtliche Verbindlichkeit ermöglichen und ein Finan-zierungsinstrument von Bund und Ländern schaffen, das gemeinsame Klimavorsorge- und Anpassungs-maßnahmen ermöglicht.

Welche Rolle spielen Normen und Standards dabei?

Klimaanpassung muss in der Normung mitgedacht werden. Denken Sie an große Infrastruktursysteme in der Energieversorgung oder des Verkehrs, die auf sehr lange Nutzung ausgelegt sind. Hier muss Klima-veränderung zur Wahrung von Sicherheitsstandards und Resilienz berücksichtigt werden. Die Bundes-regierung und DIN arbeiten hier seit Jahren eng zu-sammen. Wichtig ist mir, dass sich Normungsgremien künftig mit klimawissenschaftlicher Expertise ver-stärken und so Klimafolgen stärker berücksichtigt werden.

Um den europäischen Einfluss in der internationalen Normung zu sichern und auszubauen, hat die EU im Februar 2022 eine Standardisierungsstrategie ver-öffentlicht. Ein zentraler Punkt dabei ist die Setzung strategischer Themenschwerpunkte für die Nor-mung durch alle beteiligten Stakeholder. Welche Rolle sollte hierbei der Klimaschutz spielen?

In der Tat lassen sich die Ambitionen der EU im Hin-blick auf eine klimaneutrale, resiliente und kreislauf-orientierte Wirtschaft sicherlich nicht ohne Normen beispielsweise für Prüfmethoden, Management-systeme oder Interoperabilitätslösungen verwirk-lichen - welche letztlich auch von globaler Relevanz sind. Auch deshalb begrüßt die Bundesregierung die Standardisierungsstrategie der EU ausdrücklich. Als ein zentrales Schwerpunktthema wurde etwa Was-serstoff benannt. Für den Markthochlauf, insbeson-dere von grünem Wasserstoff, werden einheitliche Normen und Standards essentiell sein. Und auch mit Blick auf die klimatischen Entwicklungen müssen die Prozesse in der Normung unbedingt beschleunigt werden.

Eine weitere Herausforderung, die in der EU-Stan-dardisierungsstrategie thematisiert wird, ist die Gewinnung von Fachleuten für die Mitarbeit in der Normung. Wie kann Politik hierbei unterstützen - insbesondere in Bezug auf Klima-Expert*innen?

Gerade beim Klimaschutz wird es notwendig sein, dass in den relevanten Normungs- und Standardisie-rungsgremien die richtigen Expert*innen der soge-nannten interessierten Kreise - eben auch aus dem Klimabereich - zusammenarbeiten. Ich finde, wir müssen hier bei allen Beteiligten ein größeres Be-wusstsein dafür schaffen, dass Klima-Expertise auch in der Normungsarbeit notwendig ist. Die Politik kann dabei sicherlich den Dialog mit den Stakeholdern aus Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft unterstützen.

Die G7 will den deutschen Vorschlag für einen Klim-aclub bis Ende 2022 ins Leben rufen. Dies verdeut-licht: Klimaschutz braucht internationale Zusam-menarbeit. Wie soll diese Zusammenarbeit mit Leben gefüllt werden?

Der Klimaclub kann helfen, international das Ambi-tionsniveau im Klimaschutz zu heben und so die Lücke zum Erreichen des 1,5° Ziels zu schließen. Vor allem im industriellen Sektor kann eine enge Zusammenar-beit ambitionierter Klimapartner zusätzliches Poten-zial erschließen - bspw. durch die Schaffung interna-tionaler Märkte für fast emissionsfrei produzierte Grundstoffe oder von transformierten Produtions-prozessen hin zu mehr Klimafreundlichkeit. Hier bil-den globale Standards und Normen, z.B. durch ISO/IEC, eine wesentliche Grundlage, um Produkte oder Verfahren hinsichtlich ihres CO2-Fußabdrucks einzuordnen, vergleichbar zu machen und so echte "grüne" Produktion als Standardinvestitionsent-scheidung zu etablieren.

Der heutige Weltnormentag steht unter dem Motto "SHARED VISION FOR A BETTER WORLD". Was ist Ihre persönliche Vision der Zukunft?

Wenn wir die grüne Transformation nach unseren freiheitlich-demokratischen Werten erfolgreich ge-stalten wollen, müssen wir als Europäer vor allem gemeinsam darauf hinarbeiten, dass geringer Roh-stoffverbrauch, Langlebigkeit und Wiederverwert-barkeit zum europäischen Standard werden. Wir müs-sen aber auch mit dem größeren Teil der Welt auf einer neuen Grundlage von Nachhaltigkeit, Resilienz und Effizienz zusammenarbeiten. Das schafft nicht nur Innovationen und stärkt unsere Wettbewerbsfä-higkeit, sondern hilft uns auch unseren Wohlstand und unsere soziale Sicherheit zu erhalten.

Zur Person

Dr. Franziska Brantner ist Parlamentarische Staats-sekretärin beim Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz. Zudem ist sie Sonderbeauftragte der Bundesregierung für die Umsetzung der internatio-nalen Initiative für mehr Transparenz im rohstoff-gewinnenden Sektor (Extractive Industries Transp-arency Initiative - EITI) in Deutschland (D-EITI).

Weltnormentag 2022: Interviews zum Thema Klimaschutz und Normung

Die internationalen Normungsorganisationen und ihre nationalen Mitglieder feiern am 14. Oktober den Weltnormentag und verdeutlichen damit die Wich-tigkeit von Normen und Standards. Der Weltnormen-tag 2022 steht unter dem Motto "SHARED VISION FOR A BETTER WORLD" und stellt den Nutzen der Normung für die Erreichung der Sustainable De-velopment Goals - und hier insbesondere den Klima-schutz - in den Mittelpunkt. Mit einer Reihe von In-terviews mit interessanten Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik möchten die drei Regelsetzer DIN, DKE und VDI am Weltnormen-tag gemeinsam das Scheinwerferlicht auf die vor Wirtschaft und Gesellschaft liegenden Aufgaben im Kampf gegen den Klimawandel richten. Mit unseren Gesprächspartner*innen sprechen wir über die Her-ausforderungen ihrer Branchen, die Chancen der grünen Transformation und diskutieren Lösungen - wie zum Beispiel Normen und Standards.

Weitere Informationen zum Thema Normung und Klimaschutz unter: https://www.din.de/de/forschung-und-innovation/themen/klimawandel